Krasse Gegensätze

Auf St. Vincent in der Wallilaboubucht, die wir ja eigentlich nicht mehr aufsuchen wollten, sind wir mit der FÜRRITT verabredet. Christian hat in seinem Törnplan immer ein Essen bei den Locals für seine Gäste eingeplant. Wir sind dieses Mal mit dabei.

Beim Anlegen an einer Boje werden wir umlagert von Einheimischen, die in kleinen Ruderbooten oder auch auf einem Surfbrett heranrudern und ihre Waren anbieten. Einer hat uns schon weit draußen erwartet. Wir lehnen sein Angebot, uns zu helfen freundlich dankend ab. Was ihn überhaupt nicht beeindruckt. Er rudert extrem schnell vor uns her und ruft dabei immer. Er strenge sich ja nun so sehr an, weil er uns helfen wolle. Die Not ist groß und wir sind ein wenig an die Dreigroschenoper erinnert. Als gäbe es einen Wettstreit der Bedürftigkeit.

Wir lassen uns dann doch darauf ein. Geben ihm Geld und bezahlen für eine Boje, wissend, dass es bestimmt nicht seine ist. Etwas Obst und ein bisschen Schmuck für Wolfgangs Tochter ist unser weiterer Beitrag. Sie bedrängen uns nicht mehr.

Die Bürokratie funktioniert trotzdem oder gerade deshalb. Ich kann uns ausklarieren. Jeder Vorgang , Zoll- und Passkontrolle kostet umgerechnet 10,€ Immerhin weiß ich nun , dass man auch hier täglich von 16 bis 18 Uhr ein- und auschecken kann.

Abends geht es in großer Gruppe zum Essen. Wir werden sehr herzlich empfangen, der Händedruck der Köchin Ula ist tief und fest. Sichtbar sind für uns zwei Räume: einfache Küche und ein Raum, der mit 11 Leuten, an einem großen Tisch weiß eingedeckt ist und alles ausfüllt. Weißes Neonlicht an der Decke, zwei Plastikpferde auf einem Beistelltisch dekorieren den Raum. Heraus ragt eine Queenchonch, ein sehr seltenes weibliches Exemplar dieser Art.

Die Gastgeberin hat früher als Köchin auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet und nun hier alles im Griff. Mit den Einnahmen für das heimische Essen kann sie die Highschool ihres Enkels finanzieren, den sie groß gezogen hat. Mit seinen 17 Jahren hat sie ihn beim englischen Militär angemeldet, damit er unterkommt. Hier könnte er in einem Ressort als Bediensteter arbeiten. In einer Two Bedroom Beach Villa auf Petit St. Vincent, der kleinen Schwester von St. Vincent, kostet zur Peak Season eine Übernachtung US$ 2,641,-. Wenn man spart und in der Low Season kommt, immerhin noch US$ 1,785. Kaum vorstellbar, dass dies jemals sein Monatslohn sein würde.

Die Nachbarkinder laufen barfuß herbei. Wir kommen schnell in Kontakt. Sie halten den 7 jährigen Mika mit seinen blonden Rastas für ein Mädchen und sich selbst für 6 Jahre, obwohl sie mindestens einen Kopf größer sind.

Das Essen ist wohlschmeckend, wir lernen neue Gemüsesorten kennen. Ula erklärt uns alle Gerichte. Reis mit frischen Erbsen ist eine typische Beilage in der Vorweihnachtszeit. Als jeder genommen hat, ist es still am Tisch. Es kommt auch im weiteren Verlauf kein wirkliches Gespräch auf. Die Stimmung bleibt gedrückt.

Wir nehmen noch einen Drink bei Robert, der sich alle Mühe gibt, seine Bar interessant zu machen. Er entzündet ein Feuerwerk auf dem Tresen. Draußen am Strand sitzend öffnet sich der Blick wieder: Man sieht in die hell erleuchteten Cockpits der Schiffe, die nun wie schwimmende dänische Wohnzimmer wirken.

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